Oida

Schrift Skulptur „Oida am Wiener Rathausplatz“

Es ist der Abend des 09. Februar 2021 und einen Tag nach dem halben „Lock-Up“ hat Wien vielerorts immer noch etwas von einer Geisterstadt. Läden öffnen zaghaft. Viele Auslagen bleiben finster. Die Restaurants und Hotels sind immer noch geschlossen. Auf meinem Spaziergang entlang der Ringstraße Richtung Rathaus begegne ich nur wenigen Menschen. Sie dürften am Weg von der Arbeit nach Hause sein. Keine Touristen weit und breit. Am Rathausplatz wurde kürzlich der Wiener eröffnet. Aus den Boxen tönt Musik und wenige Leute sind am Platz.



In Übergröße stehen in lila-Farbe die vier Buchstaben „OIDA“ wie eine Skulptur auf dem Eis. Oida – das ist ein typisch Wienerischer Ausdruck. Manchmal wird er auch in Zusammenhang mit dem Wort „heast“ – also heast oida – verwendet. Oft will man dem direkten Gegenüber seine Verwunderung ausdrucken. Oida steht für spontane Erkenntnis und Selbstoffenbarung und -Ausdruck im zeitlichen Kontext. Früher konnte man auch noch „Jessas“ hören – was immer weniger gebräuchlich ist. Jedoch hat der Begriff „Oida“ eine weit vielschichtigere Bedeutung und schier unendliche und extrem nuancierte Anwendungsmöglichkeiten. In diesem Fall füllen die Buchstaben OIDA nicht nur die Lücke auf dem Eis, die durch das fehlende Publikum entsteht. OIDA ist gleichermassen Platzhalter und Metapher für eine allgemeine Atempause. Ein Schreck, dem eine lange Stille folgt. In einem Moment, der unendlich zu sein scheint. Wie dieser gespikte Abtraum, der jetzt schon fast ein Jahr dauert. Und dann ein fassungsloses „Oida“. Für mich sind diese 4 Buchstaben auf dem glatten Weiss des roten Wiener Rathausplatzes, umgeben von Werbebannern der Kapitalistischen Welt ein Lebenszeichen der vielerprobten Wiener Seele. Es ist ein bunter Lichtblick in diesen dunklen Tagen der Pandemie. Und eine Aufforderung, dass man auch mal geniessen und eine Alltagspause einlegen kann, wenn man die Regeln einhält.

Wenige Menschen trauen sich – auch die 20m2 Regel gilt hier

Die Sprechblasen daneben beschreiben die Bedeutung der Buchstaben:

O bstond hoitn.
I mmer d’Händ waschn.
D aham bleibn.
A Maskn aufsetzen.

Das stimmt fröhlich und gibt Hoffnung. Es ist zauberhaft, dieses Szenario zu betrachten. Es herrscht hier fast was wie Normalität. So als ob es dies Pandemie nicht gäbe. Nur halt mit sehr wenigen Menschen, die alle sehr vorsichtig, ja fast zaghaft und etwas ängstlich unterwegs zu sein scheinen, fast als ob
sie ein schlechtes Gewissen hätten, sich dem Vergnügen des Eislaufens hinzugeben. Aber die Gesichter
sind glücklich. Ballermann sieht anders aus.

Blick von der Fläche des Wiener Eistraums in Richtung Burgtheater

Von der beleuchteten Fassade des geschlossenen Burgtheaters hängt ein Banner „Wo Welt ist, ist Bühne“.
Die Umrisse des Café Landtmann sind zu erkennen. Die Lichter sind aus. Wie traurig. Es ist ein Februar wie kein anderer, Oida. Ich würd mich gern aufs Eis wagen, aber ich muss weiter. Doch ich komme wieder und nehme Verstärkung mit. Hoffentlich. Und vielleicht gibt es dann im Café Landtmann bald wieder zumindest Coffee to Go.

Banner am Burgtheater „Wo Welt ist, ist Bühne“

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